Moya Cannon

Ein Privates Land

Bilingual selection of poems with German translations by Eva Bourke and Eric Gieb.

Paperback
ISBN: 978 37 44875 23 3
Published: 2017
Publisher: Offends Feld

 

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Pferd aus Vogelherd, 30 000 v. Chr.

Mir scheint, Kunst wird geboren, wie ein Fohlen,
das sofort laufen kann.
John Berger

Das Pferd ist halb so lang
wie mein kleiner Finger –
geschnitzt aus Mammutelfenbein,
die Beine sind abgebrochen,
drei an der Hüfte,
das vierte über dem Knie,
aber sein Hals, gewölbt wie der eines Lippizaners,
seine geblähten Nüstern
sind prall voll Leben.

Der Künstler oder Schamane
der es als Totem, Schmuck oder Spielzeug schnitzte,
konnte kaum ahnen,
wie groß Pferde werden sollten,
dass man ihnen Zaumzeug anlegen, sie satteln würde,
dass von all den Mammutherden,
den Königen der leuchtenden Steppen,
kein einziges Tier überleben sollte,
dass die Steppen selbst dahinschwinden
und die Flüsse in den Schichten der südlichen Gebirge
ihren Lauf ändern würden

oder dass dieses Pferd durch zehn Jahrtausende des Eises
galoppieren sollte,
Zeuge von Sterben und Mutationen der Arten
und dem Aufstieg einer Gattung,
des Homo faber, des Künstlers,
der es mit einem Stein- oder Knochenmesser
aus dem Elfenbein befreite,
es mit einer Handvoll Sand glatt rieb,
sich Zeit nahm für die vollen Wangen, das zarte Kinn,
und es auf dem rauen Boden
der Vogelherdhöhle zurückließ,
um mit der Zeit um die Wette zu traben.

"Die Gedichte wandern in die Welt hinaus, es tauchen darin Orte wie die Moschee in Córdoba, die Höhle Vogelherd in Baden-Württemberg, das Textilmuseum in Lyon, ein Kloster in Coimbra auf. Damit wird u.a. nach Spanien, Deutschland, Frankreich, Portugal oder auch in die USA gereist. Ausgangs- und Referenzpunkt ist aber bei alledem immer ein anderes Land: Irland. Gerade in den Naturgedichten wird das Bild Irlands immer wieder heraufbeschworen, wir sehen Moorland, Schafe, Seehunde, Fuchsien, das Meer und ziehen unsere Kapuzen wegen dem Regen noch etwas tiefer ins Gesicht. Diese Naturgedichte sind ein Innehalten, ein tiefes Durchatmen. Die Zeit bleibt plötzlich stehen, wenn wir in den Gedichten von Moya Cannon dem Geflüster der Seepocken und dem Murren der Napfschnecken lauschen, wenn wir beiseitetreten um eine Schafsherde vorbei zu lassen, die auf dem Weg zum Sommergras das Meer auf einer Sandbank durchquert, oder wenn wir Seeigeln dabei zusehen, wie sie still Kalkstein verzehren."

Astrid Nischkauer